Gleiche Rohstoffbasis, unterschiedlicher Siedebereich
Waschbenzin und Reinigungsbenzin gehören zur selben Stoffgruppe: Beide bestehen laut Sicherheitsdatenblatt aus einem Gemisch aliphatischer und cyclischer Kohlenwasserstoffe mit der CAS-Nummer 64742-49-0, einer Sammelbezeichnung für leichte, hydrierte Erdölnaphtha. Was die beiden Produkte trennt, ist der exakte Kohlenstoffbereich der Fraktion. Das Waschbenzin des österreichischen Herstellers Adler-Lacke wird als Gemisch aus Kohlenwasserstoffen C9-C10 mit einem Siedepunkt von 143 Grad Celsius deklariert. Das Reinigungsbenzin 100/140 der Otto Fischar GmbH besteht dagegen aus der leichteren Fraktion C7-C9 mit einem Siedebereich von 100 bis 140 Grad Celsius. Beide Angaben tragen zwar dieselbe CAS-Nummer, aber unterschiedliche EG-Nummern, weil die REACH-Registrierung für diese Erdöl-UVCB-Stoffe mehrere Fraktionen mit leicht abweichender Zusammensetzung unter einer gemeinsamen CAS-Nummer zulässt. In der Praxis bedeutet das: Zwei Gebinde mit unterschiedlicher Aufschrift können chemisch näher beieinander liegen, als die Namen vermuten lassen, oder umgekehrt deutlicher auseinanderfallen als erwartet, je nachdem, welcher Hersteller welche Fraktion abfüllt.
Flammpunkt und Gefahrenklasse im Vergleich
Der Siedebereich bestimmt direkt, wie flüchtig und wie leicht entzündbar ein Produkt eingestuft wird. Beim Waschbenzin von Adler-Lacke liegt der Flammpunkt bei 27 Grad Celsius, die Zündtemperatur über 200 Grad. Die CLP-Einstufung lautet Flam. Liq. 3 mit dem Gefahrenhinweis H226 („Flüssigkeit und Dampf entzündbar“). Beim Reinigungsbenzin 100/140 von Fischar liegt der Flammpunkt dagegen bei nur 1 Grad Celsius, die Explosionsgrenzen reichen von 0,7 bis 7 Volumenprozent. Die Einstufung fällt entsprechend strenger aus: Flam. Liq. 2 mit H225 („Flüssigkeit und Dampf leicht entzündbar“), zusätzlich Asp. Tox. 1 (H304, lebensgefährlich beim Verschlucken mit Eindringen in die Atemwege) und Aquatic Chronic 2 (H411, giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung). Ein baugleiches Reinigungsbenzin-Sicherheitsdatenblatt der Zürcher Hochschule der Künste bestätigt einen vergleichbaren Siedebereich von 107 bis 137 Grad Celsius und denselben Flammpunkt von 1 Grad. Die niedrigere Verdampfungstemperatur macht Reinigungsbenzin also nicht automatisch „reiner“, sondern vor allem flüchtiger und im Umgang kritischer als ein höher siedendes Waschbenzin.
Wo Waschbenzin zum Einsatz kommt
Waschbenzin ist laut Sicherheitsdatenblatt als Reinigungsmittel für berufsmäßige und private Verbraucher-Verwendungen vorgesehen. Im Alltag heißt das: Entfettung von Werkzeug, Maschinenteilen und Metalloberflächen, Entfernen von Klebstoff- und Lackresten sowie Vorbehandlung von Flächen vor dem Streichen. Der Anbieter Comedol beschreibt die gesamte Produktfamilie der Siedegrenzbenzine, zu der auch Waschbenzin zählt, als Lösungs- und Verdünnungsmittel, das in Holzschutzmitteln, Farben, Lacken und Klebstoffen sowie zur allgemeinen Reinigung eingesetzt wird. Wegen des vergleichsweise hohen Flammpunkts von 27 Grad Celsius gilt Waschbenzin innerhalb dieser Produktgruppe als die im Handling etwas gutmütigere Variante.
Wo Reinigungsbenzin zum Einsatz kommt
Reinigungsbenzin wird nach Sicherheitsdatenblatt schlicht als Lösungsmittel deklariert, ohne weitere Einschränkung auf einen speziellen Anwendungsbereich. In der Praxis wird es dort eingesetzt, wo eine schnelle, rückstandsfreie Verdunstung gefragt ist, etwa bei der Reinigung feinmechanischer Teile, optischer Oberflächen oder Metallwerkstücke vor dem Lackieren. Fischar weist im Sicherheitsdatenblatt außerdem ausdrücklich darauf hin, dass der Stoff weniger als 0,1 Prozent Benzol enthält, was für die Einstufung als nicht krebserzeugend relevant ist. Wegen der Lagerklasse 3 nach TRGS 510 (entzündbare Flüssigkeiten) und der niedrigen Explosionsgrenzen gehört Reinigungsbenzin nicht in die Nähe von Zündquellen oder in unbelüftete Kellerräume.
Abgrenzung zu Testbenzin, Feuerzeugbenzin und Wundbenzin
Waschbenzin und Reinigungsbenzin sind nicht die einzigen Bezeichnungen für leichte Erdölfraktionen im Haushalt. Testbenzin, auch Siedegrenzbenzin genannt, unterscheidet sich davon deutlich: Es hat laut Fachlexikon einen Siedebereich von 130 bis 220 Grad Celsius bei einem Flammpunkt über 21 Grad Celsius und dient vor allem als preiswerter Ersatz für Terpentinöl in Farben, Lacken und Holzschutzmitteln. Damit siedet Testbenzin deutlich höher und verdunstet langsamer als Reinigungsbenzin. Am unteren Ende der Skala liegen laut Comedol Produkte wie Siedegrenzbenzin 30/75, das bereits bei 30 Grad Celsius zu sieden beginnt und bei 75 Grad Celsius endet und dementsprechend besonders flüchtig reagiert. Wer im Baumarkt vor dem Regal steht, kauft also nicht ein einheitliches Produkt „Waschbenzin“, sondern eine von mehreren Siedefraktionen, die je nach Hersteller unter unterschiedlichen Handelsnamen verkauft werden.
Sicherer Umgang und Lagerung
Beide Sicherheitsdatenblätter fordern dieselben Grundmaßnahmen: Nur in gut belüfteten Bereichen verwenden, Zündquellen fernhalten, nicht rauchen und funkenfreies Werkzeug benutzen. Bei Waschbenzin nennt Adler-Lacke zusätzlich eine empfohlene Lagertemperatur zwischen 10 und 30 Grad Celsius, Behälter dicht verschlossen und vor Sonneneinstrahlung geschützt. Fischar verlangt für Reinigungsbenzin eine kühle, trockene Lagerung fern von Wärme- und Zündquellen sowie die Einhaltung der Lagerklasse 3 für entzündbare Flüssigkeiten. Für den Hausgebrauch heißt das konkret: keine offene Flamme, kein Rauchen und keine Steckdosen oder Elektrogeräte in unmittelbarer Nähe, solange das Gefäß offen ist, und Dämpfe nie in engen, unbelüfteten Räumen wie Kellern oder Garagen ohne Fenster einatmen, weil sich die schweren Dämpfe am Boden sammeln und dort mit Luft ein explosionsfähiges Gemisch bilden können. Die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie beschreibt dieses Verhalten von Lösemitteldämpfen und die notwendigen Lüftungsmaßnahmen in der DGUV Information 213-072 zu Lösemitteln ausführlich.
Fachgerechte Entsorgung
Reste von Waschbenzin und Reinigungsbenzin dürfen nicht über den Hausmüll oder den Abfluss entsorgt werden. Der Zweckverband für Abfallwirtschaft Kempten weist ausdrücklich darauf hin, dass Waschbenzin keinesfalls über die Hausmülltonne oder die Toilette entsorgt werden darf und stattdessen zum Wertstoffhof oder zur mobilen Problemmüllsammlung gehört. Auch kleine Mengen im Abfluss können die biologische Reinigungsstufe einer Kläranlage stören. Getränkte Lappen und leere, nicht restentleerte Gebinde gelten ebenfalls als Sondermüll und gehören nicht in die Restmülltonne.
Häufige Fragen
Ist Waschbenzin dasselbe wie Reinigungsbenzin?
Nein. Beide gehören zur selben Stoffgruppe mit der CAS-Nummer 64742-49-0, unterscheiden sich aber im Siedebereich und damit im Flammpunkt: Waschbenzin siedet in den geprüften Sicherheitsdatenblättern bei rund 143 Grad Celsius mit Flammpunkt 27 Grad, Reinigungsbenzin bei 100 bis 140 Grad mit Flammpunkt 1 Grad.
Was unterscheidet Reinigungsbenzin von Testbenzin?
Testbenzin siedet deutlich höher, im Bereich von 130 bis 220 Grad Celsius, und hat einen Flammpunkt über 21 Grad. Es verdunstet dadurch langsamer und gilt als weniger leicht entzündbar als Reinigungsbenzin mit Flammpunkt 1 Grad.
Warum haben zwei Produkte mit derselben CAS-Nummer unterschiedliche Gefahrenklassen?
Die CAS-Nummer 64742-49-0 steht für eine ganze Gruppe leichter Erdölnaphtha-Fraktionen. Je nachdem, welchen Kohlenstoffbereich ein Hersteller abfüllt, C7-C9 oder C9-C10, ändern sich Siedebereich und Flammpunkt und damit auch die CLP-Einstufung als Flam. Liq. 2 oder Flam. Liq. 3.
Enthält Reinigungsbenzin Benzol?
Laut Sicherheitsdatenblatt von Fischar liegt der Benzolgehalt unter 0,1 Prozent, was unterhalb der Schwelle für eine krebserzeugende Einstufung liegt.
Wie sollte man Waschbenzin zuhause lagern?
Dicht verschlossen, kühl und vor Sonneneinstrahlung geschützt bei Temperaturen zwischen 10 und 30 Grad Celsius, fern von Zündquellen, offenen Flammen und Wärmequellen.
Warum ist gute Belüftung beim Arbeiten mit Waschbenzin oder Reinigungsbenzin so wichtig?
Die Dämpfe sind schwerer als Luft, sammeln sich am Boden und können dort mit Luft ein explosionsfähiges Gemisch bilden. Ohne ausreichende Belüftung steigt zusätzlich das Risiko von Schwindel und Benommenheit durch Einatmen der Dämpfe.
Wie entsorgt man Reste von Waschbenzin oder Reinigungsbenzin richtig?
Über den Wertstoffhof oder die mobile Problemmüllsammlung der Gemeinde, niemals über Hausmüll oder Abfluss. Getränkte Lappen gehören ebenfalls in die Sondermüllsammlung.